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Archive for April, 2008

RL:  Heute also Halbzeit der Tour: 11 Gigs habt ihr gemacht, 11 vor euch, wie ist euer Fazit bis jetzt?

Solo: Die Leute haben gut gefeiert bis jetzt, ich mein, die kennen uns ja eigentlich gar nicht. Dafür war die Resonanz aber auf jeden Fall sehr gut, finde ich. Wir hatten sehr viel Spaß.

RL: Geht ihr nacheinander auf die Bühne, macht ihr den Auftritt mit Jeyz oder Azad zusammen?

Solo: Nee, jeder macht sein eigenes Set. 439, Hanybal und Solo als Gruppe. Wir heizen halt ein bisschen ein. 20 Minuten Set, 5-6 Songs.

RL: Auf dem Jeyz Mixtape hab ich euch zum ersten Mal gehört, stellt euch den Leuten, die euch noch nicht kennen, bitte mal kurz vor.

Solo: Wir sind 439: Solo und Hanybal. Neuestes Signing bei Bozz Music. Unser Mixtape kommt bald raus: “439 Millimeter”, nach der Tour. Alle outchecken, alle kaufen, nicht downloaden – kaufen!

RL: Ihr seid also große Gegner von diesem Internetkram.

Solo: Anti-Download auf jeden Fall.

RL: Was ist mit Myspace?

Hanybal: Myspace ist cool auf jeden Fall.

Solo: Myspace ist cool für die Leute, die sonst noch kein Sprachrohr haben. Noch keinen Deal haben, oder keine Chance rauszukommen. Wenn von Leuten wie Azad, Jeyz oder uns nichts gekauft wird, muss man eben damit rechnen, dass es den Künstler bald schon nicht mehr gibt.

RL: Der Track, den ich angesprochen habe, heißt “Heimatloses Volk” und der ist sehr persönlich, wie ich finde, wie eure Eltern nach Deutschland gekommen sind, wie sie enttäuscht wurden-ist das eure Schiene, kann man das von dem Mixtape erwarten?

Solo: Da wird auf jeden Fall auch sowas in der Art drauf sein, aber auch viel Battle-Kram. Es ist ja das erste Mixtape und da muss man schon ein bisschen auf die Kacke hauen. Wir sind aber auch nicht die plumpen, dummen Rapper, die nur Battle-Zeug rappen – wir können eben auch deepe Sachen rappen.

RL: Das habt ihr mit dem Track ja schon gezeigt. Wie zufrieden seid ihr selbst mit dem Land zurzeit? Der Track stellt die Situation ganz schön negativ dar.

Solo: Ich nicht, er. (Zeigt auf Hanybal und lacht.) Nein, aus meiner Sicht war da nichts Negatives, es war einfach nur der Kampf von meiner Mutter, als sie hierherkam. Bei uns im Land war Krieg und da war es nicht leicht für eine Frau, allein mit einem Kind nach Deutschland zu kommen, zu arbeiten, den Sohn groß zu kriegen und das hab ich einfach mal niedergeschrieben.

RL: Und du?

Hanybal: (lacht) Also es war auch nicht so gemeint, dass hier alles Scheiße ist oder das es ein Scheißland ist. Da haben mich auch einige Leute darauf angesprochen. Es war gar nicht so gemeint. Ich bin doch selber auch Deutscher und genug Deutsche mit denen ich zu tun hab, die sagen auch 10-mal am Tag “alles Scheiße, was für’n Scheißland”. Ab und zu kriegt man halt mal den Abtörn und sagt das eben. Hier läuft halt auch einiges schief. Und dann können jetzt die Leute kommen und sagen “Ja dann hätte der Vater eben auch in seinem Land bleiben können, da würde es ihm auch nicht besser gehen”, aber vielleicht wäre es ihm da besser gegangen, man weiß es nicht.

Solo: Es geht auch mehr darum, was sein Vater so durchgemacht hat, wie oft er gedisst wurde oder gesagt wurde “du bist eh nur Araber”. Man sollte diese Sätze auch nicht auf die Waage legen.

Hanybal: Im Endeffekt geht’s uns ja allen gut.

RL: Wie ist es für euch solche persönlichen Sachen in einem Track zu veröffentlichen? Wer sich das letztendlich anhört und wie es ankommt, wisst ihr ja auch nicht beim Schreiben.

Solo: Also ich kann schneller deepe Sache schreiben als Battle-Zeug. Wenn der Beat mit das Gefühl gibt was deepes zu schreiben geht ein 16er bei mir Ratz-Fatz.

RL: Denkt ihr, dass ihr euch damit für irgendwelche Leute angreifbar macht?

Solo: Man ist immer der stärkere Mann, wenn man auch über seine Gefühle reden kann. Die Leute, die sagen sie seien hart und kennen sowas nicht, “wir sind hart wie Beton”, sind eher die Leute von denen ich sage “ja, macht mal euer Ding”, weißt du.

RL: Wo wir grad bei “Hart wie Beton” sind, es gab ja diesen Übergriff auf Massiv, in den USA passiert sowas auch sehr oft, letztens hat wohl Savas auf der Bühne etwas gegen den Kopf geworfen bekommen, macht ihr euch manchmal Gedanken über sowas?

Solo: Ja das hab ich auch gehört, aber es kann auch passieren, dass du über die Straße gehst und es kommen fünf Leute und hauen dich weg.

Hanybal: Also ich fühl mich auf der Bühne und als Rapper sicherer, als in meinem anderen Leben.

Solo: Also diese Leute vertreten auch ein Gangsterimage und ich rapp ja selbst auch “ich bin kein Gangster”. Ich hab mit Gangsterrap nichts zu tun, ich rapp Straßensachen. “Ich bin kein Gangster, doch ich hab schon einiges gesehen”.

RL: Warum denkt ihr ist sowas grad Gang und Gäbe? Im Rock gibt es doch bestimmt auch genug Gewalt bereite Leute.

Solo: Ich glaube es sind auch die Medien, die das Ganze hochspielen. Gewalt gibt es überall, ich geh aus meiner Haustür raus und sehe kleine Kinder, die sich boxen. Ich sehe Leute die werden gerippt und da redet keiner. Die Medien wollen das Ganze auskosten: HipHop – Oh Gott, Gewalt und Gangster, aber es ist nicht so.

Hanybal: Alles Imagesache.

Solo: Alles Image. Wenn du so rüberkommst in der Öffentlichkeit, muss man sich nicht wundern wenn die Leute dann denken “Ah was will denn der von mir”. Deshalb kommen wir auch nicht so rüber. Azad kommt nicht so rüber, Jeyz kommt nicht so rüber – wir sind halt ganz normale Jungs die HipHop machen.

RL: Ihr habt den Hype in den Medien schon erwähnt, seht ihr das als traurige Entwicklung oder denkt ihr das Shining tut HipHop auch irgendwie gut?

Solo: Also ich finde HipHop hatte auch ohne diese Gewalt genug Präsenz. Ich meine HipHop ist Pop geworden mittlerweile. Und da braucht man keine Gewalt. Ehrlich gesagt bin ich eher traurig, dass die Leute alles auf die Gewalt reduzieren.

Hanybal: Ich finde es gehört nicht ganz raus aus dem Rap-Ding. Gewalt ist auf der Straße nun mal alltäglich, daran werden wir alle nichts ändern können, das ist nun mal so. Ich mach Straßenrap also muss ich auch darüber reden, was auf den Straßen passiert. Aus meinem Rap kann man Gewalt nicht verbannen, man sollte es aber auch nicht verherrlichen. Vielleicht schlägt man sich auch ab und zu und denkt sich “Ok, der hat es verdient”, aber es kann eben auch passieren, dass man das nächste Mal jemanden aus Versehen tot schlägt und dann haben wir den Käse. Man kann darüber reden, aber man darf es nicht verherrlichen.

Solo: Auf jeden Fall sind wir gegen Gewalt.

Hanybal: Im Endeffekt.

RL: Euer Mixtape steht in den Startlöchern-

Solo: Nach der Tour werden wir nochmal 2 Songs neu aufnehmen, da wird die Motivation von der Tour so ein bisschen mitgenommen und dann haben wir so 20 Songs. 5-6 Storydinger, deepe Sache mit Gänsehaut und der Rest ist einfach “Musik an im Auto und auf die Kacke hauen”.

Hanybal: Gar kein Konzept, einfach nur drauflos gerappt, einfach nur zerstört.

Solo: “439 Millimeter”.

RL: Also kein großes Konzept, keine großen Features?

Solo: Features kommen von Jeyz, Fanatics, Azad, D-Flame, die Frankfurter Brigade.

RL: Die Geschichte eurer Entdeckung klingt für mich so unglaublich, es wird ja immer erzählt 5 Track Demo an Azad gegeben, der war geflasht und hat euch direkt unter Vertrag genommen-

Hanybal: Nicht mal so. Nicht mal dem Azad direkt gegeben, sondern erstmal einem Freund gezeigt und er hat den Azad direkt gerufen “Azad, komm mal rüber – zu krass, komm mal her man”. Wir sind nicht direkt hingegangen und haben’s ihm gezeigt. Die Leute waren geflasht, wir haben es halt rumgezeigt.

Solo: Es ging von Handy zu Handy.

Hanybal: Jeder redete darüber und es ging halt echt wie ein Lauffeuer. Und am Ende kam es halt bei Azad an.

RL: Ich bin überrascht, dass sowas heute noch funktioniert.

Hanybal: Nachbarschaft. Es ist die Nachbarschaft die alles machbar macht.

Solo: Ein glücklicher Zufall. Wir können auch froh sein das wir überhaupt Bozz Music bei uns im Viertel haben, sonst wüsste man ja gar nicht wo man hingeht.

RL: Habt ihr vorher vielleicht noch bei irgendwelchen anderen Labels angefragt?

Solo: Wir sind nicht so die HipHopper die ihre Sachen in alle Richtungen schicken. Die Jungs sind drauf abgedreht, der Azad ist abgedreht und dank Gott sitzen wir jetzt hier.

RL: Es gibt ja genug Leute, die jahrelang irgendwelche Tracks aufnehmen, Mixtapes aus Eigenproduktion veröffentlichen-

Solo: Wobei ich sagen muss, das sich die meisten auch absolut Scheiße anhören und ich weiß auch gar nicht wie die auf die Idee kommen das wegzuschicken. Wir kriegen ja auch Sachen zugeschickt und ich hör mir das an und denke “Oh Gott”. Irgendwo muss man sich auch selbst einschätzen können.

RL: Ja aber das ist dieses DSDS-Ding, keiner weiß wie schlecht er wirklich ist, weil die Freunde sich auch nicht trauen die Wahrheit zu sagen.

Solo: Ja, die Freunde sagen dann eher noch “Ey du bist krass”. Wenn mal einer rappt auf’m Dorf – da gibt’s nix – dann ist er der Held auf’m Dorf. Dann pushen die den und dann-Ich mein ich weiß selbst das ich vor 4 Jahren noch scheiße gerappt habe, aber da wäre ich auch zu niemandem gegangen und hätte gesagt “hör dir das mal an”. Mit dem Zeug das neu war, von dem ich wusste da geht was, damit dann-

RL: Das du sowas zugibst ist auch mal was Gutes.

Solo: Ich lüg mich doch nicht selber an, Alter.

RL: Ihr thematisiert in euren Liedern oft Frankfurt, wie ist denn das Gefühl wenn Leute während der Tour in Bremen oder wo immer ihr seid die Texte dann mitrappen? Die Leute waren vielleicht noch nie in Frankfurt, identifizieren sich aber trotzdem damit. Was glaubt ihr woran das liegt?

Solo: Erklären kann ich mir das nicht, das Gefühl ist aber trotzdem ein gutes. Was weiß ich woher die Leute unsere Texte kennen, aber das ist für mich auf jeden Fall Gänsehautfeeling. Für die meisten ist Frankfurt “oh Gott – die Großstadt. Kriminalitätsrate, da geht’s rund, da hat jeder einen Ballermann in der Tasche.” Obwohl es nicht so ist. Wenn du zu den falschen Leuten kommst, es kann dir überall passieren, dass du auf die Fresse kriegst. In der Nordweststadt ist Kriminalität halt alltäglich vom Drogen- bis zum Waffendealer, das ist halt Standard und man kriegt es auch mit als Kind. Und die Leute wissen eben, dass wir die Sachen die wir rappen auch ernst meinen. Ich rapp nicht über Sachen die ich über 18 Ecken gehört habe, sondern über Sachen, von denen ich weiß dass sie so passieren. Und die Leute merken schon, ob du ehrlich bist oder nicht.

RL: Meint ihr, dass die Ehrlichkeit auch den Sound ausmacht?

Solo: Auf jeden Fall. Ich kann keinen feiern bei dem ich merke “Boah, da stimmt doch was nicht”. Der rappt über was weiß ich, der verkauft Steine oder Heroin oder was auch immer und dann siehst du so ´nen kleinen Jungen mit Brille. Da überlegst du dann schon.

Hanybal: Da sind auch so dumme Lügen. D a rappt einer “ich wurde mit einem Kilo Kokain erwischt – 1 Jahr Bewährung.”.

Solo: Sinnlos einfach.

RL: Vor allem schreibt man sowas dann auch in Pressetexte rein-

Solo: Und dann stehen die da vor Leuten die aus, keine Ahnung woher kommen, und das sind alles nur kleine Kiddies die ihre Grundschule kennen und den Fußballplatz und was weiß ich und die sagen “boah das ist ein Gangster”. Ich mein wenn man nur verkaufen will – ist cool und ich gönne jedem der es macht sein Geld. Aber bei uns ist Ehrlichkeit wichtiger.

RL: Bei euch steht in der Biographie dann die Sportlerkarriere.

Hanyball: Krasser Basketballer und krasser Fußballer, yeah.

Solo: Eigentlich hätte er zum FC Bayern gehört und ich zu den Chicago Bulls aber-.

RL: Wo habt ihr denn gespielt?

Solo: Ich hab bei der Eintracht gespielt.

Hanybal: Ich hab bei vielen Vereinen gespielt, in und um Frankfurt.

RL: Aber ihr habt das alles ad acta gelegt?

Solo: Bei mir ist das alles schon seit längerem auf Eis gelegt, verstritten mit dem Trainer und dann hab ich irgendwann keinen Bock mehr gehabt.

RL: Wahrscheinlich wird mit der Musik jetzt auch die Zeit knapp-

Solo: Bei uns ist das zweite Standbein jetzt zum ersten geworden, wenn es damit nicht klappt dann-

Hanyball: -müssen wir eben Drogen verkaufen (lacht). Oder lieber Basketball spielen. Obwohl, nur mit Fußball kannst du Geld machen in Deutschland.

RL: Mit Basketball in Deutschland wird es nix mit dem großen Geld.

Solo: Für’n Arsch auf jeden Fall. Ich hab in der zweiten Liga gespielt – gesehen dass da kein Geld verdient wird, was soll ich da? (lacht)

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24 Apr 2008

439 Interview 24.04.2008

Author: holzkohle | Filed under: Interviews

RL:  Hi Jeyz und erstmal vielen Dank für das Interview. Ich hab vorhin mit den 439 Jungs gesprochen und mit ihnen über “Heimatloses Volk” erzählt, ein Track von deinem letzten Mixtape. So negativ wie Deutschland da rüberkam-erzähl mir doch bitte deine Meinung dazu.

Jeyz: Also ich muss erstmal sagen das die richtig negativen Lines von den 439 Jungs kamen. Es geht uns hier auf jeden Fall besser in unserer Heimat. Ich fahr nach Sizilien und ich bin ein Deutscher für die. Ich bin hier in Deutschland und ich bin ein Ausländer. Heimatloses Volk, das ist die Idee hinter dem Song. Wenn du mich fragst wo es mir besser geht, sag ich natürlich Deutschland. Es hat auch alles seine Vor- und Nachteile. Die Leute in Sizilien haben wenig Geld aber es geht ihnen gut. Die Leben einfach. Hier in Deutschland sind wir groß geworden mit fast gar nix, jetzt kriegen wir langsam was und ich versuch einfach das Höchstmögliche herauszuholen und meiner Familie zu helfen. Im Großen und Ganzen geht’s und doch gut und ich danke Gott dafür das es so ist.

RL: Machst du dir manchmal Gedanken darüber wie deine Texte von den Leuten da draußen aufgenommen werden, wer letztendlich vor der Box steht wie dessen Meinung dazu ist?

Jeyz: Ich mach mir da eigentlich keine Gedanken, wer da vor den Boxen steht und was die sich darüber denken, ich lass meinen Gefühlen einfach freien Lauf. Bei mir hat es sich schon seit den ersten Tagen ergeben, dass es für mich ein Ventil ist, über Krisen zu reden. Daher fällt mir diese Schiene nicht so schwer. Für mich sind Partysongs schwieriger zu schreiben. Wenn dann Leute auf mich zukommen und sagen “ja genau dieser Song, ich fühle den so sehr”, dann gibt mir das auch die Kraft weiterzumachen.

RL: Gefühle zu zeigen ist ja im HipHop eigentlich nicht alltäglich-

Jeyz: Ich stehe dazu. Wenn Leute dich nicht mögen finden sie immer irgendetwas um dich anzugreifen oder dich schlecht zu machen. Das hält mich aber auf keinen Fall davon ab persönlich zu werden.

RL: Apropos “angreifen”. Wie denkst du über den Angriff auf Massiv?

Jeyz: Wie man halt rein ruft, so kommt es zurück. Wenn ich auf der Bühne stehe und sage “Ich ficke 100% von Bochums Müttern”, dann gibt es doch genug verrückte in Bochum die dann sagen “Was? Wer bist du überhaupt?”. Obwohl ich mit denen eigentlich kein Problem habe, hab ich mir grad selber eins geschaffen. Ich bin der Typ: Wenn ich ein Problem anspreche oder jemanden angreife, dann ist es was persönliches, zwischen mir und irgendeinem Rapper. Aber eine komplette Stadt zu dissen ist, meiner Meinung nach, einfach nicht so schlau gewesen. Es gibt soviele Fans von ihm dort, die er dann verloren hat, weil die sich von ihm angegriffen gefühlt haben: Die Mutter ist heilig, die fasst man nicht an, das hat mit HipHop nichts zu tun. Ich hab ja auch Stress gehabt mit AggroBerlin, Alpa Gun und so, aber ich hab nie die Mütter beleidigt. Ich hab immer gesagt, wenn ihr wollt können wir uns treffen, dann fetzen wir uns, aber ich habe immer die Familie aus dem Spiel gelassen, weil die damit einfach nichts zu tun hat. Und ich will auch, dass es bei mir so ist. Wenn ich anfange Mütter zu dissen, muss ich doch damit rechnen, das meine Mutter auch gedisst wird und das will ich nicht und deswegen mach ich das auch nicht. Aber es ist ja Gott sei Dank wieder alles cool zwischen uns und AggroBerlin, hat sich erledigt.

RL: Warum ist diese Schiene denn so populär zurzeit?

Jeyz: Ich glaub das zieht einfach die Massen an. Sobald die Leute wissen, dass es Beef zwischen dem und dem gibt, dann interessiert es sie. Alle wollen wissen was da los ist, worum es geht und wer genau beteiligt ist. Und es werden halt willkürlich irgendwelche Leute gedisst, um sich einen Namen zu machen oder um auf sich aufmerksam zu machen. Bei mir muss irgendwas vorgefallen sein, wie bei AggroBerlin. Aber jemanden einfach so zu dissen ist nicht meine Art. In erster Linie mach ich Musik, um mich zu befreien. Wenn du meine erste CD kennst, “Chronologie Pt. 1″, da ist ja auch “Der Tag”, der allererste Song drauf den ich je gemacht habe, über meinen verstorbenen Vater, ich hab mit niemandem drüber reden können. Es hat sich halt so ergeben, dass ich immer geschrieben habe, um mich selbst befreien zu können. Irgendwann kamen dann eben Leute auf mich zu und meinten “boah das Gefühl hab ich auch”. Und das gefiel mir wirklich so gut-dass Leute, die dich eigentlich gar nicht kennen, dich trotzdem verstehen, dass ich einfach immer weiter gemacht habe.

RL: Der Spiegel und andere Medien werden mit solchen Geschichten ja geradezu überschwemmt-

Jeyz: Die Medien sind auch ein großes Problem. Wenn du einfach nur Musik machst, interessieren sie sich gar nicht für dich. Sobald du Musik machst mit einem Image, irgendjemand disst, handgreiflich wirst oder persönlich wirst, ist sofort der Fokus auf dich. Meiner Meinung nach haben sie also auch Schuld daran, dass das Ganze so hoch gespielt wird. Dissen war schon immer ein großer Bestandteil von HipHop, damals die Sugarhill Gang und so, die haben sich ja auch alle gedisst, allerdings ist es auch immer nur verbal geblieben, es ging um die Kunst – wer ist besser – und die Leute durften entscheiden.

RL: Meinst du, dass der Hype in den Medien auch etwas Gutes hat?

Jeyz: In erster Hinsicht ist jeder Hype, der um HipHop erzeugt wird gut für uns, die wir HipHop machen. Ich mein, damals war im Spiegel nichts über HipHop, mittlerweile ist HipHop auf MTV, VIVA, jetzt haben die auch ne HipHop-Bravo gemacht, der Fokus ist auf jeden Fall für alle, die HipHop machen, gut. Ich will aber nicht auf diesen Zug aufspringen, wie gesagt wenn jemand persönlich wird ist das wieder eine andere Sache, aber einfach so ist das für mich Pille-Palle. Ich hab genug Stress in meinem Leben gehabt, um mir nicht nochmal Extra-Stress aufzubauen.

RL: Es gibt auf deinem letzten Mixtape den Track “Ich halte durch”, der meiner Meinung nach viele fast schon depressive Lines enthält. Besonders hervorheben möchte ich mal die Line: “Es gab Momente in denen ich Lust hatte mich abzuknallen”. Wie siehst du die Entwicklung im HipHop und was gibt dir die Kraft da trotzdem weiterzumachen?

Jeyz: Der Satz hat mit HipHop eigentlich nichts zu tun, das war eher was Persönliches, die Familienumstände betreffend. Wenn man als kleiner Junge sieht, wie die Eltern auf sich einschlagen, bis das Blut fliest und zwei Tage später wieder alles in Ordnung ist und eine Woche später alles wieder eskaliert-wenn man so aufwächst, ist das ein Satz, der aus diesem Gefühl, aus diesem Moment heraus entstanden ist. Als ich den Song geschrieben habe, hab ich die Gefühle von damals halt einfach aufs Blatt gebracht, es ist nicht so, dass ich denke “Boah ich würd mich gern abknallen”, wer macht das schon gerne. Aber in dem Moment hatte man das Gefühl das man am liebsten nicht existieren würde um das Ganze nicht zu sehen-das war der Sinn von dem Satz.

RL: Allgemein ist das Mixtape auch sehr düster gehalten. Mit dem Titel “Das Ende vom Anfang” hatte ich eigentlich einen positiveren Vibe erwartet.

Jeyz: Aber meiner Meinung nach, sind auch genug andere Songs mit einem anderen Vibe dabei, z.B. “Jetzt geht’s los”, “Bis an die Spitze”, “Warum ich”, “Wer will fronten”. Es sind halt einfach die ganzen Einflüsse, die ich in den letzten Jahren hatte und die habe ich aufs Blatt gebracht. Ich hab mir kein Konzept gemacht. Ich wollte ja eigentlich ein Album machen, aber bei Bozz Music ist halt vieles ein bisschen schief gegangen, vor `nem halben Jahr wurde das komplette Team ausgetauscht und unter solchen Umständen wollte ich mein Album nicht rausbringen. Da ich eh schon 40 Songs hatte, hab ich einfach 20 genommen von denen ich gedacht habe, dass sie für ein Mixtape gut passen und drauf gepackt. Ich wollte den Leuten zeigen “Hey, ich bin noch da. Das ist das Ende vom Anfang – dieses Jahr kommt mein Album.” Bozz Music rauft sich auch wieder hoch, um den alten Status zu erreichen und ich denke das mein Album dieses Jahr auf jeden Fall kommen wird.

RL: Wie weit bist du denn in der Albenproduktion?

Jeyz: Es ist eigentlich schon so gut wie fertig, ich will noch 4-5 Songs schreiben, um das Ganze noch abwechslungsreicher zu machen. Es soll halt weg vom Mixtape-Charakter. Ich will mindestens 1-2 Videos drehen, ich will Budget dahinter: Promo, Covergeld. Finanziell soll eben ein bisschen was fließen. Ich werde alles dafür tun, dass es spätestens Oktober kommen wird. Es hat halt auch vieles mit dem Dealen zu tun: Unser Anwalt – deren Anwalt, hin und her, bis das alles unter Dach und Fach ist das dauert.

RL: Wie ist eigentlich die Beziehung zu den 439 Jungs die ja jetzt mit euch “alten Hasen” auf Tour sind. Gibt man sich da untereinander Tipps, tauscht man Erfahrungen aus?

Jeyz: Die hören sich auf jeden Fall an was wir sagen. Ich denke das ist dasselbe wie bei mir, als ich damals mit Azad unterwegs war. Er hat mir Tipps gegeben, ich habe sie angenommen und mit manchen konnte man sicher etwas anfangen, bei manchen war ich eben anderer Meinung. Die sind auf jeden Fall nicht so engstirnig, das sie sagen “erzähl mir nix, ich weiß was ich tue”.

RL: So schnell wie die Jungs gesignt wurden ging es bei dir damals ja nicht, du gingst den Umweg über ein Mixtape-

Jeyz: Ich hab ja damals auch mit Azad und der Gruppe abgehangen, aber wir hatten eben noch kein Bozz Music und ein Major hat sich nicht für uns interessiert. Ich hab mir dann gedacht “Ich hab schon soviele Songs und Features gemacht, plus 6-7 Bonus – ich mach einfach mal ein Mixtape, um in das Ganze reinzuschnuppern”. Als es dann Bozz Music gab, war ich dann ja auch von heute auf morgen gesignt. Und das hat auf jeden Fall geholfen, ein Bozz Music Stempel auf der CD ist schon ein Markenzeichen. Bozz Music steht für Qualität. Wir sind nicht so produktiv, das wir im Jahr 4 Alben und 5 Mixtapes rausbringen, aber wenn wir was rausbringen, wird es schon ne Bombe. Wie bei meinem Album, ich mein’ ich hätte es wahrscheinlich auch im März rausbringen könenn, aber ohne Budget will ich das einfach nicht. Es soll sagen, dass ich endlich da bin. Im HipHop bis du mit deinen Mixtapes eben immer nur derjenige der Mixtapes macht, auch wenn die Mixtapes meiner Meinung nach schon Albenqualität haben.

RL: Aber sie bleiben eben nicht so lang in Erinnerung.

Jeyz: Genau und deswegen will ich eben auch ein richtiges Interview in der Juice – 2 Seiten und noch mal ne Seite Werbung und noch diverse andere Zeitungen-das soll auf jeden Fall was Großes werden diesmal.

RL: Dann wünsch ich dir viel Erfolg mit deinem Album.

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24 Apr 2008

Jeyz Interview 24.04.2008

Author: holzkohle | Filed under: Interviews

crac lp

Hier geht es weder um ein Natron-Kokain-Gemisch noch um geknackte Computerprogramme oder Hinterteile – C.R.A.C. (sprich Crass) ist das Akronym für Collect Respect Anna Check, der LA/Detroit Kollabo vom rappenden Jungspund Blu und Producer/Rapper Ta`raach.

Blu, der für sein letztjähriges Album mit DJ Exile weltweit Lorbeeren einheimste und Ta`raach, vielen besser bekannt als Lacks, haben sich über einen Featuretrack für Kollege Aloe Blacc kennen gelernt. Ungeachtet des Altersunterschiedes von 8 Jahren haben sie schnell Ihre musikalische Seelenverwandschaft festgestellt und innerhalb von nur einer Woche den Großteil von „The Piece Talks“ eingespielt. Labelbesitzer und People-Under-The-Stairs-Frontmann Thes One war begeistert vom bisherigen Material und hat den Jungs daraufhin sein Label als Plattform angeboten.

Die rasche Enstehungsphase ist einigen Songs durchaus anzumerken, skizzenartig und freestylemässig muten sie an, unweigerlich weckt dies Erinnerungen an die Quasimoto- oder Madvillain-Releases. Unverkrampfter und frischer Sound, frei von Konventionen. So nehmen C.R.A.C. den Mund dann auch gehörig voll und vergleichen sich mal eben Outkast, Gnarls Barkley oder den Beatles(!). Dieser Vergleich lässt sich gerade bei Songs wie „Buy Me Lunch“ oder „Bullet Through Me“ nicht von der Hand weisen, die gehen auch bei Fans der „The…“-Fraktion durch. So richtig sicher kann man sich bei den Jungs aber nicht wähnen, kommen sie auf einem Track mit „left-field“-Kram, so folgt auf dem nächsten schon die Backpfeife in Form eines klassischen HipHop-Bangers erster Güte. Checkt „Respect“ oder „Hello“ und Ihr wisst was ich meine. Aufgelockert wird das ganze durch humorvolle Skits und Interludes à la Prince Paul. So bietet sich nach 19 Anspielpunkten in einer knappen Stunde (wohlgemerkt inklusive minutenlanger Skits) auch direkt die Möglichkeit erneut auf Play zu drücken und die Platte wieder zu spielen.

Während mir, im Vergleich zum eingängigeren „Below The Heavens“, die Platte Anfangs recht sperrig vorkam, so wächst Sie mit mehrmaligen Hören, ein klassischer Grower halt. In Zeiten von uniformierten HipHop-Soldaten, kalkulierten Clubhits und Scheuklappendenken liefern Blu und Ta`raach mit „The Piece Talks“ einen starken Gegenentwurf zum aktuellen Baukasten-Rapsound. Innovation, Kreativität, Respekt und Offenheit – dies waren nicht nur nur die damaligen Entstehungsfaktoren unserer geliebten HipHop-Kultur sondern sind auch die Erfolgsformel von C.R.A.C.. Wer die Gelegenheit hat, sollte sich auf der kommenden Europatour live ein Bild von der Qualität dieser Kombo machen. Habe ich was vergessen – ach ja, gute Rapper die Beiden.

C.R.A.C. – The Piece Talks
VÖ: 21.04.08
Label: Tres Records / Rough Trade
Producer: Ta`raach
Features: -
URL: www.myspace.com/cracknuckles
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22 Apr 2008

C.R.A.C. – The Piece Talks

Author: Benson | Filed under: CD / LP Reviews, News, Reviews

Braille_TheIV_400

„Verdammt, wie konnte ich all die Jahren diese freshe Katze namens Braille ignorieren?“ – dieser Gedanke beschlich mich ernsthaft nach den ersten Hörproben von Brailles „The IV Edition“. Der 26-jährige aus Portland, Oregon, mit bürgerlichem Namen Bryan Winchester, stellt sich im Introtrack selbstredend als: „Westcoast native, listening to native tongues, I stay away from drugs and I don’t play with guns“ vor und wird einigen Heads als Mitglied der Crew Lightheaded (mit Othello und Ohmega Watts) geläufig sein.

Aufgrund seiner lässigen Stimme wurde ich anfangs unweigerlich an Westcoast-Untergrundhelden wie Prozack Turner, Zion I oder Hieroglyphics erinnert. Brailles mittlerweile viertes Soloalbum „The IV Edition“ ist keines dieser Konzeptalben im eigentlichen Sinne. Vielmehr tragen die Beats die Handschrift von verschiedenen Produzenten aus allen Ecken der Welt, mit denen Braille entweder auf Freundschaftswegen, seinen zahlreichen Tourneen (u.a. als James Browns Voract) oder fast schon obligatorisch via myspace oder den einschlägigen Foren connected hat. Druckvoll wird man auf den ersten 4 Tracks gleich ordentlich in den Sessel gepresst, denn hier zeigen Ohmega Watts, Shuko, The Are und Marco Polo auch gleich mal klar wo der Hammer hängt. Egal ob mit Folklore-Einfluß, Synthie-Styles oder klassischem Piano-Sample, Braille ließ sich mit feinstem Boombap versorgen. In ähnliche Kerbe schlagen die Beiträge von J-Zone und OhNo. Ein verschmitztes Lächeln hatte ich dann auch auf den Lippen, als ich über die Credits von „Double Dose“ stieß – kein geringer als Mr. Mar von den Stieber Twins zauberte diesen vertrackten Banger aus seiner SP 1200, zu schade dass wir heutzutage viel zu selten den Samplekünsten der Stiebers lauschen dürfen.

Leben die genannten Tracks in erster Linie von den harten Instrumentalen, so findet Braille auf den restlichen – deutlich entspannteren – Tracks genügend Platz um persönlicher zu werden. Dabei versteht er es geschickt Geschichten aus seinem Leben Preis zu geben, ohne in allzu großen Pathos oder Kitsch zu verfallen. Fast schon tragikomisch mutet es an, wenn die Stimme seines Vaters im Intro eher holprig auf sein viertes Album hinweist und man eine Minute später von Braille persönlich erfährt, dass er seinen Dad vor ein paar Monaten verloren hat. Eindringlich geht er auf „Many Stories“ auf dessen plötzlichen Tod ein, stellt die Komplikationen bei der Geburt seiner Tochter entgegen und zeigt rührend wie eng Leben und Tod doch beieinander liegen. „Restless“ beschreibt die schlaflosen Nächte mit alle den Sorgen ums Business und die Bills. Auf „Remember Your Path“ erläutert er seinen damaligen Zugang zum Hip Hop und beschreibt seinen aktuellen Standpunkt im Kontext der Szene: „[...]I don’t look like a rapper, take my picture, I’m not tryin to look hard, I never been behind bars never tagged train yards with a marker, a spraycan in hand, I’m an MC ya’ll, I am who I am.“ Postitiv fallen mir, wie auch bei diesem Track, die zahlreichen Vocal-Cuts auf. Gute Arbeit der beteiligten Djs, allen voran Rob Swift von den X-ecutioners. Nicht unerwähnt lassen möchte ich Brailles souveräne Performance am Mic, je nach Stimmung spuckt er mal aggressiv und herausfordernd, versteht es aber auch seine tiefgründigen Themen glaubhaft an den Hörer zu bringen.

Von nun an werde ich Brailles Musik auch ohne Blindenschrift im Plattenladen finden, denn dank „The IV-Edition“ wurde meine Liste der sympathischen, bodenständigen Lyricists um einen weiteren Namen erweitert. Vor allem schätze ich die Ehrlichkeit, die Themenvielfalt, die Balance aus harten und sanfteren Tönen sowie die durchweg positive Grundstimmung. Runde Sache ohne Gimmicks. Endjahresbestenliste anyone…?

Braille – The IV Edition
VÖ: 18.04.2008
Label: Fat City Records / groove attack
Producer: Ohmega Watts, Shuko, The Are, Marco Polo, 88 Keys, Staffro, DJ Spinna, S1, J-Thrill, Mr. Mar of Stieber Twins, OhNo, Aetoms, Kno, M-Phazes, K-Murdock, J-Zone
Features: Mr. J, Rob Swift, Speech, Surreal & Sojourn, Barry Hampton, Poems, Theory Hazit, Dj Idull, Ragen Fykes, DJ Bombay
URL: www.myspace.com/braillebrizzy
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16 Apr 2008

Braille – The IV Edition

Author: Benson | Filed under: CD / LP Reviews, News, Reviews

bisc1

Vor kurzem fand das Debütwerk des – mir bis dato unbekannten – New Yorker Artist Bisc1 den Weg auf meinen Schreibtisch. Unwissend und neugierig inspizierte ich erst einmal den Promotext und siehe da, dort steht was von Graffwriter, DJ, Rapper und Designer diverser Albencover von Aesop Rock über The Perceptionists, RJD2, Murs bis hin zu El-P – so erwarte ich demnach auch einen ähnlichen Soundteppich wie bei eben erwähnten Künstlern, schließlich gehen visueller und musikalischer Geschmack oft Hand in Hand.

Für Vollzeit-B-Boy Bisc1, der sich neben Text und Musik logischerweise auch in Eigenregie um das Artwork seiner Platte gekümmert hat, beginnt der Tag wenn der eigentliche Tag endet. Nicht nur seine Graffitileidenschaft spielt sich in der Nacht ab, sondern auch seine Musik wurde mithilfe der Kreativität der elektrisierten Nacht erschaffen. Elektrizität ist der Puls der urbanen Nacht, die Quelle des Antriebs der Wheels of Steel, gebombten Subway-Trains und des verkabelten Mikrofons. Deutungsansätze des kryptischen Albumtitels gibt es zur Genüge. Ähnlich schwermütig wie der Titel offenbart sich auch die musikalische Komponente von „When Electric Night Falls“: Melodien und Sounds die ähnlich behäbig nach oben kriechen wie Dampf aus den Gullys der New Yorker Straßen, metallisch dumpf wie das Klappern der Subway-Züge auf den Schienen oder bedrohlich flackern und knistern wie Transformatoren. Ein waberndes Gemisch aus Industrialsounds, mal behäbig, mal Up-Tempo, das unweigerlich Erinnerungen an die vorab erwähnten El-P oder RJD2 weckt, sich aber nicht in Abstraktion verliert und so durchaus eingängig bleibt. Ein urbaner Soundtrack für den täglichen Überlebenskampf der Straßenguerillas im triefend muffigen Moloch der Großstadt. Dieser dient Bisc1 als Fundament für seine mitunter recht verschachtelten Geschichten von Gewinnern und Verlierern („Parallels“), Schicksalen („Sidelines“), Angst und Wahn („Paranoia“), falschen Freunden („Sidelines“) und zwischenmenschlichen Beziehungen („Unconditional“, „Fire and Ice“). Die mehrdeutigen Textpassagen haben sich mir oftmals erst nach dem prüfenden Blick auf die beigelegte Songerklärung erschlossen, wohl dem der eine hat. Weitaus augenscheinlicher gestaltet sich dann schon die gelungene Ode an seine nächtlichen Abenteuer auf Dächern und Bahn-Depots im Kampf gegen den grauen Schleier von Wänden und Zügen („Strange Love“). Einen Mangel an Themen und Konzepten kann man dem Endzwanziger aus Queens folglich nicht vorwerfen, wenngleich er in puncto Flow und Delivery eher durchschnittlich agiert.

„When Electric Night Falls“ ist ein Album gemacht in der Nacht für die Nacht, fernab jedoch vom urbanen Feiervolk in den Clubs der Innenstädte. Tiefgründig, melancholisch, mitunter recht bedrückend – kein Sound für jeden Tag und Jedermann. Ich packe die Scheibe vorerst zurück ins Regal und werde sie bis zur nächsten Winterdepression nicht wieder rauskramen – der Vorsitzende des Def Jux-Fanclubs reibt sich derweil die Hände und wird die Platte für die nächsten Monate gewiss nicht aus seinem Player nehmen.

Bisc 1 – When Electric Night Falls
VÖ: 11.03.08
Label: Embedded Music
Producer: Bisc 1
Features:
URL:
http://www.bisc1.com | mypsace.com/bisc1
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2 Apr 2008

Bisc 1 – When Electric Night Falls

Author: Benson | Filed under: CD / LP Reviews, News, Reviews