RL: Heute also Halbzeit der Tour: 11 Gigs habt ihr gemacht, 11 vor euch, wie ist euer Fazit bis jetzt?
Solo: Die Leute haben gut gefeiert bis jetzt, ich mein, die kennen uns ja eigentlich gar nicht. Dafür war die Resonanz aber auf jeden Fall sehr gut, finde ich. Wir hatten sehr viel Spaß.
RL: Geht ihr nacheinander auf die Bühne, macht ihr den Auftritt mit Jeyz oder Azad zusammen?
Solo: Nee, jeder macht sein eigenes Set. 439, Hanybal und Solo als Gruppe. Wir heizen halt ein bisschen ein. 20 Minuten Set, 5-6 Songs.
RL: Auf dem Jeyz Mixtape hab ich euch zum ersten Mal gehört, stellt euch den Leuten, die euch noch nicht kennen, bitte mal kurz vor.
Solo: Wir sind 439: Solo und Hanybal. Neuestes Signing bei Bozz Music. Unser Mixtape kommt bald raus: “439 Millimeter”, nach der Tour. Alle outchecken, alle kaufen, nicht downloaden – kaufen!
RL: Ihr seid also große Gegner von diesem Internetkram.
Solo: Anti-Download auf jeden Fall.
RL: Was ist mit Myspace?
Hanybal: Myspace ist cool auf jeden Fall.
Solo: Myspace ist cool für die Leute, die sonst noch kein Sprachrohr haben. Noch keinen Deal haben, oder keine Chance rauszukommen. Wenn von Leuten wie Azad, Jeyz oder uns nichts gekauft wird, muss man eben damit rechnen, dass es den Künstler bald schon nicht mehr gibt.
RL: Der Track, den ich angesprochen habe, heißt “Heimatloses Volk” und der ist sehr persönlich, wie ich finde, wie eure Eltern nach Deutschland gekommen sind, wie sie enttäuscht wurden-ist das eure Schiene, kann man das von dem Mixtape erwarten?
Solo: Da wird auf jeden Fall auch sowas in der Art drauf sein, aber auch viel Battle-Kram. Es ist ja das erste Mixtape und da muss man schon ein bisschen auf die Kacke hauen. Wir sind aber auch nicht die plumpen, dummen Rapper, die nur Battle-Zeug rappen – wir können eben auch deepe Sachen rappen.
RL: Das habt ihr mit dem Track ja schon gezeigt. Wie zufrieden seid ihr selbst mit dem Land zurzeit? Der Track stellt die Situation ganz schön negativ dar.
Solo: Ich nicht, er. (Zeigt auf Hanybal und lacht.) Nein, aus meiner Sicht war da nichts Negatives, es war einfach nur der Kampf von meiner Mutter, als sie hierherkam. Bei uns im Land war Krieg und da war es nicht leicht für eine Frau, allein mit einem Kind nach Deutschland zu kommen, zu arbeiten, den Sohn groß zu kriegen und das hab ich einfach mal niedergeschrieben.
RL: Und du?
Hanybal: (lacht) Also es war auch nicht so gemeint, dass hier alles Scheiße ist oder das es ein Scheißland ist. Da haben mich auch einige Leute darauf angesprochen. Es war gar nicht so gemeint. Ich bin doch selber auch Deutscher und genug Deutsche mit denen ich zu tun hab, die sagen auch 10-mal am Tag “alles Scheiße, was für’n Scheißland”. Ab und zu kriegt man halt mal den Abtörn und sagt das eben. Hier läuft halt auch einiges schief. Und dann können jetzt die Leute kommen und sagen “Ja dann hätte der Vater eben auch in seinem Land bleiben können, da würde es ihm auch nicht besser gehen”, aber vielleicht wäre es ihm da besser gegangen, man weiß es nicht.
Solo: Es geht auch mehr darum, was sein Vater so durchgemacht hat, wie oft er gedisst wurde oder gesagt wurde “du bist eh nur Araber”. Man sollte diese Sätze auch nicht auf die Waage legen.
Hanybal: Im Endeffekt geht’s uns ja allen gut.
RL: Wie ist es für euch solche persönlichen Sachen in einem Track zu veröffentlichen? Wer sich das letztendlich anhört und wie es ankommt, wisst ihr ja auch nicht beim Schreiben.
Solo: Also ich kann schneller deepe Sache schreiben als Battle-Zeug. Wenn der Beat mit das Gefühl gibt was deepes zu schreiben geht ein 16er bei mir Ratz-Fatz.
RL: Denkt ihr, dass ihr euch damit für irgendwelche Leute angreifbar macht?
Solo: Man ist immer der stärkere Mann, wenn man auch über seine Gefühle reden kann. Die Leute, die sagen sie seien hart und kennen sowas nicht, “wir sind hart wie Beton”, sind eher die Leute von denen ich sage “ja, macht mal euer Ding”, weißt du.
RL: Wo wir grad bei “Hart wie Beton” sind, es gab ja diesen Übergriff auf Massiv, in den USA passiert sowas auch sehr oft, letztens hat wohl Savas auf der Bühne etwas gegen den Kopf geworfen bekommen, macht ihr euch manchmal Gedanken über sowas?
Solo: Ja das hab ich auch gehört, aber es kann auch passieren, dass du über die Straße gehst und es kommen fünf Leute und hauen dich weg.
Hanybal: Also ich fühl mich auf der Bühne und als Rapper sicherer, als in meinem anderen Leben.
Solo: Also diese Leute vertreten auch ein Gangsterimage und ich rapp ja selbst auch “ich bin kein Gangster”. Ich hab mit Gangsterrap nichts zu tun, ich rapp Straßensachen. “Ich bin kein Gangster, doch ich hab schon einiges gesehen”.
RL: Warum denkt ihr ist sowas grad Gang und Gäbe? Im Rock gibt es doch bestimmt auch genug Gewalt bereite Leute.
Solo: Ich glaube es sind auch die Medien, die das Ganze hochspielen. Gewalt gibt es überall, ich geh aus meiner Haustür raus und sehe kleine Kinder, die sich boxen. Ich sehe Leute die werden gerippt und da redet keiner. Die Medien wollen das Ganze auskosten: HipHop – Oh Gott, Gewalt und Gangster, aber es ist nicht so.
Hanybal: Alles Imagesache.
Solo: Alles Image. Wenn du so rüberkommst in der Öffentlichkeit, muss man sich nicht wundern wenn die Leute dann denken “Ah was will denn der von mir”. Deshalb kommen wir auch nicht so rüber. Azad kommt nicht so rüber, Jeyz kommt nicht so rüber – wir sind halt ganz normale Jungs die HipHop machen.
RL: Ihr habt den Hype in den Medien schon erwähnt, seht ihr das als traurige Entwicklung oder denkt ihr das Shining tut HipHop auch irgendwie gut?
Solo: Also ich finde HipHop hatte auch ohne diese Gewalt genug Präsenz. Ich meine HipHop ist Pop geworden mittlerweile. Und da braucht man keine Gewalt. Ehrlich gesagt bin ich eher traurig, dass die Leute alles auf die Gewalt reduzieren.
Hanybal: Ich finde es gehört nicht ganz raus aus dem Rap-Ding. Gewalt ist auf der Straße nun mal alltäglich, daran werden wir alle nichts ändern können, das ist nun mal so. Ich mach Straßenrap also muss ich auch darüber reden, was auf den Straßen passiert. Aus meinem Rap kann man Gewalt nicht verbannen, man sollte es aber auch nicht verherrlichen. Vielleicht schlägt man sich auch ab und zu und denkt sich “Ok, der hat es verdient”, aber es kann eben auch passieren, dass man das nächste Mal jemanden aus Versehen tot schlägt und dann haben wir den Käse. Man kann darüber reden, aber man darf es nicht verherrlichen.
Solo: Auf jeden Fall sind wir gegen Gewalt.
Hanybal: Im Endeffekt.
RL: Euer Mixtape steht in den Startlöchern-
Solo: Nach der Tour werden wir nochmal 2 Songs neu aufnehmen, da wird die Motivation von der Tour so ein bisschen mitgenommen und dann haben wir so 20 Songs. 5-6 Storydinger, deepe Sache mit Gänsehaut und der Rest ist einfach “Musik an im Auto und auf die Kacke hauen”.
Hanybal: Gar kein Konzept, einfach nur drauflos gerappt, einfach nur zerstört.
Solo: “439 Millimeter”.
RL: Also kein großes Konzept, keine großen Features?
Solo: Features kommen von Jeyz, Fanatics, Azad, D-Flame, die Frankfurter Brigade.
RL: Die Geschichte eurer Entdeckung klingt für mich so unglaublich, es wird ja immer erzählt 5 Track Demo an Azad gegeben, der war geflasht und hat euch direkt unter Vertrag genommen-
Hanybal: Nicht mal so. Nicht mal dem Azad direkt gegeben, sondern erstmal einem Freund gezeigt und er hat den Azad direkt gerufen “Azad, komm mal rüber – zu krass, komm mal her man”. Wir sind nicht direkt hingegangen und haben’s ihm gezeigt. Die Leute waren geflasht, wir haben es halt rumgezeigt.
Solo: Es ging von Handy zu Handy.
Hanybal: Jeder redete darüber und es ging halt echt wie ein Lauffeuer. Und am Ende kam es halt bei Azad an.
RL: Ich bin überrascht, dass sowas heute noch funktioniert.
Hanybal: Nachbarschaft. Es ist die Nachbarschaft die alles machbar macht.
Solo: Ein glücklicher Zufall. Wir können auch froh sein das wir überhaupt Bozz Music bei uns im Viertel haben, sonst wüsste man ja gar nicht wo man hingeht.
RL: Habt ihr vorher vielleicht noch bei irgendwelchen anderen Labels angefragt?
Solo: Wir sind nicht so die HipHopper die ihre Sachen in alle Richtungen schicken. Die Jungs sind drauf abgedreht, der Azad ist abgedreht und dank Gott sitzen wir jetzt hier.
RL: Es gibt ja genug Leute, die jahrelang irgendwelche Tracks aufnehmen, Mixtapes aus Eigenproduktion veröffentlichen-
Solo: Wobei ich sagen muss, das sich die meisten auch absolut Scheiße anhören und ich weiß auch gar nicht wie die auf die Idee kommen das wegzuschicken. Wir kriegen ja auch Sachen zugeschickt und ich hör mir das an und denke “Oh Gott”. Irgendwo muss man sich auch selbst einschätzen können.
RL: Ja aber das ist dieses DSDS-Ding, keiner weiß wie schlecht er wirklich ist, weil die Freunde sich auch nicht trauen die Wahrheit zu sagen.
Solo: Ja, die Freunde sagen dann eher noch “Ey du bist krass”. Wenn mal einer rappt auf’m Dorf – da gibt’s nix – dann ist er der Held auf’m Dorf. Dann pushen die den und dann-Ich mein ich weiß selbst das ich vor 4 Jahren noch scheiße gerappt habe, aber da wäre ich auch zu niemandem gegangen und hätte gesagt “hör dir das mal an”. Mit dem Zeug das neu war, von dem ich wusste da geht was, damit dann-
RL: Das du sowas zugibst ist auch mal was Gutes.
Solo: Ich lüg mich doch nicht selber an, Alter.
RL: Ihr thematisiert in euren Liedern oft Frankfurt, wie ist denn das Gefühl wenn Leute während der Tour in Bremen oder wo immer ihr seid die Texte dann mitrappen? Die Leute waren vielleicht noch nie in Frankfurt, identifizieren sich aber trotzdem damit. Was glaubt ihr woran das liegt?
Solo: Erklären kann ich mir das nicht, das Gefühl ist aber trotzdem ein gutes. Was weiß ich woher die Leute unsere Texte kennen, aber das ist für mich auf jeden Fall Gänsehautfeeling. Für die meisten ist Frankfurt “oh Gott – die Großstadt. Kriminalitätsrate, da geht’s rund, da hat jeder einen Ballermann in der Tasche.” Obwohl es nicht so ist. Wenn du zu den falschen Leuten kommst, es kann dir überall passieren, dass du auf die Fresse kriegst. In der Nordweststadt ist Kriminalität halt alltäglich vom Drogen- bis zum Waffendealer, das ist halt Standard und man kriegt es auch mit als Kind. Und die Leute wissen eben, dass wir die Sachen die wir rappen auch ernst meinen. Ich rapp nicht über Sachen die ich über 18 Ecken gehört habe, sondern über Sachen, von denen ich weiß dass sie so passieren. Und die Leute merken schon, ob du ehrlich bist oder nicht.
RL: Meint ihr, dass die Ehrlichkeit auch den Sound ausmacht?
Solo: Auf jeden Fall. Ich kann keinen feiern bei dem ich merke “Boah, da stimmt doch was nicht”. Der rappt über was weiß ich, der verkauft Steine oder Heroin oder was auch immer und dann siehst du so ´nen kleinen Jungen mit Brille. Da überlegst du dann schon.
Hanybal: Da sind auch so dumme Lügen. D a rappt einer “ich wurde mit einem Kilo Kokain erwischt – 1 Jahr Bewährung.”.
Solo: Sinnlos einfach.
RL: Vor allem schreibt man sowas dann auch in Pressetexte rein-
Solo: Und dann stehen die da vor Leuten die aus, keine Ahnung woher kommen, und das sind alles nur kleine Kiddies die ihre Grundschule kennen und den Fußballplatz und was weiß ich und die sagen “boah das ist ein Gangster”. Ich mein wenn man nur verkaufen will – ist cool und ich gönne jedem der es macht sein Geld. Aber bei uns ist Ehrlichkeit wichtiger.
RL: Bei euch steht in der Biographie dann die Sportlerkarriere.
Hanyball: Krasser Basketballer und krasser Fußballer, yeah.
Solo: Eigentlich hätte er zum FC Bayern gehört und ich zu den Chicago Bulls aber-.
RL: Wo habt ihr denn gespielt?
Solo: Ich hab bei der Eintracht gespielt.
Hanybal: Ich hab bei vielen Vereinen gespielt, in und um Frankfurt.
RL: Aber ihr habt das alles ad acta gelegt?
Solo: Bei mir ist das alles schon seit längerem auf Eis gelegt, verstritten mit dem Trainer und dann hab ich irgendwann keinen Bock mehr gehabt.
RL: Wahrscheinlich wird mit der Musik jetzt auch die Zeit knapp-
Solo: Bei uns ist das zweite Standbein jetzt zum ersten geworden, wenn es damit nicht klappt dann-
Hanyball: -müssen wir eben Drogen verkaufen (lacht). Oder lieber Basketball spielen. Obwohl, nur mit Fußball kannst du Geld machen in Deutschland.
RL: Mit Basketball in Deutschland wird es nix mit dem großen Geld.
Solo: Für’n Arsch auf jeden Fall. Ich hab in der zweiten Liga gespielt – gesehen dass da kein Geld verdient wird, was soll ich da? (lacht)




