Dem einen oder anderen Freund niveauvoller, deutschsprachiger Rapmusik dürften die Namen Jaques Shure und Dexter geläufig sein. Die beiden Heilbronner konnten bereits auf dem im Frühjahr 2008 erschienen WORTSPORT Lounge Sampler für gesteigerte Aufmerksamkeit sorgen. Jüngst geht der Fokus wieder gen Süddeutschland, denn Jaq&Dex veröffentlichten mit ‘Schelle’ ein absolut einzigartiges Album, das sich thematisch dem Leben als Stadtstreicher verschrieben hat. Was genau dahinter steckt, verrieten uns die Penner im Interview.
RL: Wie seid Ihr auf die Idee gekommen, ein komplettes Album aus der Sicht eines Penners zu machen?
Dexter: Das hat sich eher langsam so entwickelt. Als ich Jaques kennenlernte, fanden wir uns gegenseitig gut und wollten einfach eine EP machen, und zwar ‘ne dreckige. Wir wollten Wu-Tang mit Madlib fusionieren und Moog Synthesizer drüberlegen. Textlich haben wir uns erst nicht so viele Gedanken gemacht, aber irgendwie kam uns dauernd dieser Schelle in die Quere. Wir fanden das einen super Aufhänger, um Themen auf verschiedene Weise und aus verschiedenen Blickwinkeln anzugehen. Vieles ist echt, vieles ist Fiktion, was einem textlich große Freiheiten lässt, aber auch für den Hörer viel Interpretationsfreiraum.
Jaques Shure: Murs & Slug haben da mal so “A tribute to…” Projekte releast. Einerseits hat mich das, andererseits die andere Seite inspiriert. Das dreckige, wo keiner hinschaut. Die meisten erzählen von ihrem Ice, dass sie aus dem Kaugummi-Automaten gewreckt haben. Oder vom Benz den sie immer von Daddy ausleihen und davor für Fotos posieren. Fuck that! Dexter und ich sind den Clochards auf jeden Fall näher als dieser ganzen künstlichen Plastik-Scheiße. Wir trinken billiges Bier, Dexter schnorrt ständig Zigaretten, ich furze den ganzen Tag und hab Achselnässe und kraule mir am Sack!
RL: Sind die Tracks auf ‘Schelle’ sozusagen Eure eigene Version von Straßenrap?
Dexter: Kann man schon so sagen. Ich meine, wir hängen auch auf der Straße rum, aber sind eben keine Kleinkriminellen, sondern einfach scharfe Beobachter. Ich muss dir ehrlich sagen, ich sehe jeden Tag mindestens einen Penner oder Obdachlosen in der Stadt, einen bewaffneten Raubüberfall oder ein gepflegtes Drive-By-Shooting eher seltener. Außerdem geht es ja auch noch um das Musikalische. Die dreckige Straße findet sich eben auch in den Beats wieder, staubige Drums, kaputte Samples, warme vintage Synthesizer. Kein cleaner 2-Finger-Hochglanz-Synthi-Dreck.
Jaques Shure: Naja, wenn Straßenrap heißt: Rap “auf der Straße” und nicht “von der Straße”, dann ja. Weil “von der Straße” hat mittlerweile extrem negative Konnotationen. Es spiegelt die Straße wieder, auf denen Obdachlose den ganzen Tag herum pilgern. Nicht die Straße, die Kleinkriminelle im Benz von Papa entlang fahren.
RL: Was ist die Grundmessage hinter ‘Schelle’? Ist es so etwas wie eine ironische Antwort auf die Straßenrapbewegung in Deutschland?
Jaques Shure: Die Message soll keine Gegenbewegung darstellen. Wir wollen nicht den besserwisserischen Zeigefinger erheben. Es soll auch keine Antwort sein. In der Position sehe ich uns auf gar keinen Fall. Wir wollen einfach das dreckige ein wenig zurückbringen. Das nackte, hässliche, bartstoppelige, Schnapsfeeling! Ich mag auch gern Pieces bei denen Drips aus den Outlines schmotzen! Rap braucht wieder ein Stück Schmutz und Erde!
Dexter: Jaques sieht das genau richtig. Das Ding ist, wir haben eben jetzt die Möglichkeit mit dem Zeug rauszukommen, was wir schon immer gemacht haben. Die Zeit bietet sich einfach an. Gute Rapmusik ist zurzeit einfach wieder gefragt, es geht nicht mehr um Verkaufszahlen. Entdecke den Schelle in dir.
RL: Was waren die Schwierigkeiten bei der Produktion einer Konzeptplatte wie ‘Schelle’ – musikalisch als auch textlich?
Jaques Shure: Wir haben an sich alle Aspekte des Pennerdaseins beleuchtet. Noch ein bis zwei Tracks hätten wir in der Hinterhand, aber danach würde sich alles wiederholen.
Dexter: Genau das ist die Schwierigkeit. Es darf sich nichts wiederholen. So viel ist ja auch nicht dran an einem Pennerleben. An sich bin ich gar kein Fan von Konzeptalben. Im Endeffekt ist Schelle auch kein hundertprozentiges. Ich wollte, dass die Tracks auch funktionieren, wenn sie aus dem Zusammenhang gerissen werden. Im Endeffekt ist Schelle eine Mischung aus Konzept- und klassischem Debütalbum, bei dem sich halt einfach ein roter Faden durchzieht.
RL: Habt Ihr Bedenken gehabt, dass die Leute das “Pennerthema” falsch verstehen und euch vorwerfen, dass Ihr euch über Obdachlose lustig macht?
Jaques Shure: Nein. Wir machen uns mit keiner Zeile über Penner lustig. Wir haben großen Respekt vor denen. Die geben irgendwann wirklich einen Fick, was irgendjemand von ihnen denkt. Die meisten Nicht-Penner, sagen zwar dass sie das auch tun, aber sind trotzdem nur angepasste Krawatten-Lurche hinterm Bankschalter.
Dexter: In Frankfurt in der Kaiserstraße wurde ich mal von einem Penner völlig unvermittelt in den Arsch getreten. Der sprang mit beiden Beinen voraus und ich hab gedacht mein Becken wäre gebrochen. Mit diesem Album bekommen die Penner alles zurück. Nein Quatsch, das war natürlich nur Spaß. Aber natürlich habe ich mich gefragt, wieso der das gemacht hat. Ein Grund mehr, sich einfach mal in diese Lage hineinzuversetzen. Eins mit ihr zu werden, und das mit allem Respekt.
RL: Was war nötig, um sich in “Pennerstimmung” zu bringen?
Dexter: An sich nichts Besonderes. Wenn man sich dauernd mit dieser Thematik auseinandersetzt, ist man da irgendwann drin. Klar, ein paar Bier können dem Arbeitsfluss nicht schaden. Bloß nicht kiffen! Haste schon mal ‘nen Penner kiffen sehen?
RL: Werdet Ihr Schelle die Platte vorspielen?
Jaques Shure & Dexter: Wir werden es tun. Aber erst wenn sich eine zufällige, gute Gelegenheit ergibt. Unser Promoter drängt uns aber schon ständig dazu.
RL: Merkt Ihr nach dem Release eures Wortsport Lounge Samplers nun auch eine gestiegene Aufmerksamkeit bundesweit?
Dexter: Also von den Medien merkt man das jetzt direkt nicht. Dennoch denke ich, dass Wortsport durch den Sampler jetzt vielen Leuten ein Begriff ist. Wir haben ja auch schnell nachgelegt mit der Split EP von Dennis Da Menace & Elemental Force.
Jetzt kommt Schelle. Mal schauen wo die Reise hingeht.


