Hallo Gerard und vielen Dank für deine Zeit.
Dein zweites Album “blur” ist seit kurzem auf dem Markt. Ich würde es als experimentell bezeichnen, stimmst du mir da zu?
Jein. Wir haben einfach probiert bzw. probieren weiterhin einen eigenen Sound zu etablieren. Man muss einfach aus der unglaublichen Masse von Hip Hop Alben irgendwie herausstechen. Sind wir uns mal ehrlich…es dreht sich einfach sehr viel im Kreis. Es gibt DIE 5-6 Hip Hop Deutschrap Produzenten, die einfach in den letzten Jahren für sämtliche Veröffentlichungen produzierten und leider war da einfach viel zu viel Einheitsbrei. Austauschbare Alben. Austauschbare Rapper. Ich will, dass man ein paar Takte hört und sich denkt „ah..das ist wohl von gerard“. Egal ob das jetzt feiert oder nicht. Originalität einfach. Ich hoffe der Sound entwickelt sich mehr und mehr zu etwas ganz eigenem.
Gerade Tracks wie “Gelbgrünblau” und “Dunkelblauundgelb” sind ohne den Kontext des gesamten Albums bestimmt keine leichte Kost für das Publikum.
(lacht) ja also vor allem „gelbgrünblau“. Das war mir auch durchaus klar. Was ich mir dabei gedacht hab, dazu ein Video zu drehen weiß ich jetzt ehrlich gesat auch nicht mehr (lacht). Ich wollte etwas provozieren, bisschen polarisieren. Auch mit dem Video. So ironisches Augenzwinkern. Aber das kam glaub ich nicht wirklich an. Aber egal, ich mach ja Kunst der Kunst willen und denke nicht nach, inwiefern das jetzt schwere Kost oder nicht ist…
Manchmal habe ich auch den Eindruck, dass sich dein Stil, Texte zu verfassen, im Vergleich zu “Rising Sun” verändert hat.
Man muss halt bedenken, auf „Rising Sun“ waren noch Texte die ich noch mit 15, 16 Jahren geschrieben habe. Natürlich ist man in der Zwischenzeit gereift. Und das spiegelt sich natürlich auch in den Texten wieder. Ich persönlich find´s sehr schön, dass die beiden Alben so unterschiedlich klingen. Nichts schlimmer, als austauschbare Alben. Ich bin selber gespannt wo das nächste Album soundtechnisch und textlich hingeht.
Welchen Einflüssen bist du diesmal unterlegen?
Alkohol(lacht). Nein, ich bin etwa sicher für 1 Jahr auf keine Hip Hop Veranstaltungen mehr gegangen, weil mir einfach alles schon viel zu sehr zum Hals raushing. Ich war zum Beispiel wirklich in sehr unterschiedlichen Clubs fort, mit sehr unterschiedlicher Musik. Manches war auch viel zu schräg, aber ich hab mich bemüht immer irgendwie etwas für mich zu entdecken, was ich in das Album einbauen konnte. Das hab ich dann probiert bestmöglich meinen Produzenten Mainloop, Clef und Fid Mella weiterzugeben, bzw. kamen die halt dann auch schon teils mit neuen Sachen an, die genau passten. Und sonst halt das allgemeine Leben…Liebe, Enttäuschung, Fröhlichkeit, Zukunftsangst, Glück, Selbstzweifel und und und…
Was bedeutet dieses Album für dich?
Sehr viel. Es ist eine Momentaufnahme meines Lebens. Es ist ein Manifest und das wichtigste: es bleibt. Man kann es lieben oder hassen, aber es ist nun mal da. Und das ist ein sehr schönes Gefühl. Und Menschen, denen ich noch nie begegnet bin können jetzt anhören was ich mir so für Gedanken zur Welt mache. Und das können sie auch noch in 5 Jahren. Oder 10. Rein theoretisch sogar noch in 100 Jahren, wenn ich schon gar nicht mehr auf dieser Welt bin. Man hat was hinterlassen. Es ist vielleicht klein und unbedeutend, aber es ist da. Ein ganz ganz kleines Stück Unsterblichkeit. Das ist ein verdammt gutes Gefühl.
Was bedeutet “blur” für dich? – Erkläre mal bitte dieses “make or become unclear or less distinct” auf dem Front-Cover.
Es geht einfach um diese Planlosigkeit mit der man teils durchs Leben geht. Vor allem eben in dem Alter wo ich jetzt bin weiß man halt noch GAR nicht wo das Leben mal hingeht. Also vielleicht andere schon, ich aber nicht. Bis zur Matura bzw. euren Abi ist man ja in so einem System. Da wird dir gesagt mach das und das und dann steht da diese Endprüfung und viel weiter denkt man auch nicht. Aber dann stehst du halt da, und von einem Tag auf den anderen muss man plötzlich selber entscheiden wie die nächsten 60-70 Jahren deines Lebens ausschauen werden, in welche Richtung es geht. Man sucht Hilfe und Antworten in irgendwelchen zwischenmenschlichen Beziehungen. Die dich schlechtesten Falls dann auch noch völlig enttäuschen. Dann ist aber wieder plötzlich alles super und alles macht Sinn. Dieses Hin und Her. Alles unklar. Alles verschwommen.
Die Geschichte im Booklet kommt wohl vielen (jedenfalls mir =) sehr bekannt vor. Deswegen wahrscheinlich “das Lebensgefühl einer ganzen Generation”…
Zumindest das Lebensgefühl von dem Umfeld in dem ich mich bewege (lacht)
Du weißt das man nicht immer Zweiundzwanzig bleiben kann?
Ja, spätestens seit Anfang diesen Jahres, als ich doch tatsächlich 23 wurde. (Lacht)
Wo siehst du dich mit deiner Musik denn im Augenblick selbst, wahrscheinlich musst du dich entscheiden wie es damit weitergeht in deinem Leben, oder ist diese Entscheidung vielleicht sogar schon gefallen?
Ich werde immer künstlerisch tätig sein. Sei es jetzt durch Musik, Bücher oder wie auch immer. Vielleicht geht ja irgendwann der Knopf auf und es geht hauptberuflich. Vielleicht würde mich das aber auch nicht glücklich machen, vielleicht brauche ich eine gewisse Konstante in meinem Leben. Dann halt weiter nebenbei. Aber „nebenbei“ nicht im Sinne von „halt so hobbymäßig“; sondern eben wie jetzt 50/50. Ich weiß es nicht, ich weiß es nicht. Aber wie sagt Vince in Entourage immer so schön: „it will all work out…the universe always had it´s plan“
Im Booklet wird der Satz “Ein DJ ist ja auch eine Art Lehrer” verneint. Ist ein MC auch keine Art von Lehrer? Nichts mit Vorbildfunktion?
Also Lehrer und Vorbildfunktion sind ja schon mal für mich völlig verschiedene 2 Paar Schuhe (lacht). Ich hab doch überhaupt keinen Plan vom Leben, da kann ich schonmal keinem anderen etwas beibringen. Wenn man mich jetzt trotzdem als Vorbild hernimmt, dann ist das die Schuld von demjenigen, der das tut, da kann ich nichts dafür (lacht).
Wie sieht die nahe Zukunft aus? Wird es eine Tour zum Album geben? Ist dein Festival-Sommer schon verplant?
Wir werden einige Live Gigs spielen ja. Festival mäßig ging leider nicht soviel wie erwartet. Aber zurzeit ist das alles allgemein sehr schwierig wie ich aus verschiedenen Ecken gehört habe, also nicht nur bei mir. Aber wird schon, wird schon…
“Was bleibt”?
Nicht viel! Aber irgendetwas Immer. Immerhin
Vielen Dank für das Interview.
Ich bedanke mich!!!!!!